Autor Thema: Fanatische Priesterschaft - regeltechnische Schwächen, HeldInnen und die Welt  (Gelesen 4913 mal)

arnadil

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Möglicherweise ist das nur meine subjektive Wahrnehmung, aber ich habe schon recht viele neu erstellte Charaktere hier im Forum gesehen, insbesondere GötterdienerInnen, die die Schwäche "Fanatiker" haben. Und mich würde, sofern meine Wahrnehmung da überhaupt stimmt, interessieren, wie das kommt.

- Sind PriesterInnen bei Splittermond nicht interessant genug, um sie jenseits fanatischer Charakterkonzepte zu spielen? (Und woran liegt das? An mangelnden Infos zu der Götterwelt?)

- Oder ist die völlig Freiwilligkeit beim Ausspielen der Schwächen (die insofern nur Positives bringen, weil man sie nur nutzt, wenn man will) ein Anreiz, Schwächen zu wählen, die nicht Kernbestandteil (und wirkliche rollenspielerische Schwäche) der Heldenkonzepts sind?

- Wird möglicherweise gelegentlich schon das Einhalten eines gewöhnlichen Kodex als fanatisch angesehen? Und warum wählt man dann nicht "Kodex"? Bzw. wird die Schwäche nicht im gleichen Maße als extrem empfunden wie entsprechende (häufig in der Spielerschaft abgelehnte) Einschränkungen in anderen Systemen (vgl. bspw. Gerechtigkeitswahn oder den Moralkodex der Praios- oder Rondrakirche bei DSA)?

Was meint ihr?

Und was hat das ggf. für Auswirkungen auf die Welt? Sind die PriesterInnen in eurem Lorakis durchschnittlich extremer als in unserer Welt? Natürlich gibt es recht extreme Glaubensrichtungen (in beiden Welten), aber wie ist der Durchschnitt bei euch beschaffen? Wenn PriesterInnen bei euch auftauchen, dienen sie dann meist als Rolle der Fanatiker oder sind sie auch einfache Gelehrte/Seelsorger/Autoritätspersonen/etc.?

cyberware

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Hi,

in meinen Augen ist es nicht erforderlich für einen Priester die Nachteile Fanatiker oder Ehrenkodex zu nehmen. Sicher macht es bei einigen Gottheiten durchaus Sinn, aber widerspricht sogar dem lorakischen Weltbild. Wären alle Religionen so eingestellt, würde es meines Erachtens nicht diese Vielfalt an Göttern geben. Einige wenige hätten sich mittels Glaubenskriege durchgesetzt.

Einer meiner Charaktere ist auch ein Fanatiker, aber aus dem Grund weil er sich an dem Mörder seiner Familie rächen möchte und dafür auch bereit ist moralische Grenzen zu überschreiten. 

Grimrokh

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Zuerst stellt sich glaube ich die Frage, was jeder unter 'Fanatiker' versteht und da dürfte es bereits ziemliche Unterschieden geben.
Per Definition kann fanatisch tendenziell für eifrig, überschwänglich, schwärmerisch, leidenschaftlich, usw. oder eben auch für blinde Raserei, verbohrter Eifer, o. ä. stehen. Heutzutage wird Fanatismus oft mit religiösem Extremismus in Verbindung gebracht, muss es aber sicher nicht zwingend in dieser absoluten Ausprägung sein. 

Aber hier geht es ja in erster Linie um die Schwäche und deren splittermondspezifische Definition:

Zitat von: GRW S. 84
Der Glaube an einen Gott oder seine persönliche moralische Überzeugung bestimmt die Handlungen des Abenteurers.
Das passt natürlich gut zu einem Priester/Gottesdiener, der sein Leben einer höheren Macht verschrieben hat und gezielt nach deren Lehren und Wertevorstellungen leben möchte.

Zitat von: GRW S. 84
Er duldet keine Kritik an seinen Vorstellungen, bekehrt Heiden wie Abweichler und straft Handlungen, die in seinen Augen ketzerisch und verwerflich sind.
Dies ist der zweite und letzte Satz der als Beschreibung bei 'Fanatiker' steht. Und hier hat man mAn viel Spielraum. Denn "straft Handlungen, die in seinen Augen ketzerisch und verwerflich sind" kann viel heißen. Sowohl, dass der Gläubige den mutmaßlichen Frevler einfach mit Schweigen oder temporärer Nichtbeachtung straft, als auch, dass er ihm die Zunge heraus schneidet und ihm glühende Eisen in die Augenhöhlen bohren wird. Und was ist ketzerisch und daher strafwürdig? Bereits eine sarkastische oder respektlose Bemerkung? Oder muss man einen Tempel niederbrennen bzw. einen Priester schänden? Da liegt ein weites Feld dazuwischen.

Zitat
Wird möglicherweise gelegentlich schon das Einhalten eines gewöhnlichen Kodex als fanatisch angesehen? Und warum wählt man dann nicht "Kodex"?
Für mich besteht der Unterschied vor allem darin, dass es bei 'Kodex' in erster Linie um das eigene Verhalten geht und bei 'Fanatiker' auch darum, wie man mit dem Verhalten anderer umgeht, die nicht demselben Kodex folgen.

Zitat
Oder ist die völlig Freiwilligkeit beim Ausspielen der Schwächen (die insofern nur Positives bringen, weil man sie nur nutzt, wenn man will) ein Anreiz, Schwächen zu wählen, die nicht Kernbestandteil (und wirkliche rollenspielerische Schwäche) der Heldenkonzepts sind?
Ich denke, so ziemlich alle Schwächen können durchaus leicht dazu verwendet werden um ein Spielverhalten zu rechtfertigen, dass vielleicht nicht gern am Spieltisch gesehen wird. Es kann durchaus bequem sein sagen zu können: "Was denn? Ich spiele doch nur meine Rolle. Wäre doch schlechtes Rollenspiel (tm) wenn ich mich in dieser Situation vernünftig und deeskalierend verhalten hätte." Hm. Ging jetzt irgendwie an deiner Frage vorbei, aber das ist hierbei der Punkt, der mich besonders beschäftigt: Verleiten Schwächen zu asozialem Verhalten der Gruppe (=den anderen Mitspielern) gegenüber? Werden vielleicht sogar teilweise Splitterpunkte generiert, obwohl vor allem den Mitspielern ein Nachteil erwachsen ist?

Zitat
Wenn PriesterInnen bei euch auftauchen, dienen sie dann meist als Rolle der Fanatiker oder sind sie auch einfache Gelehrte/Seelsorger/Autoritätspersonen/etc.?
Ich werde sie wohl wie in unserer Welt in (fast) allen Schattierungen vorkommen lassen. Wie ich schon sagte, gibt es ein weites Feld wie extremistisch verbohrt oder doch einfach nur leidenschaftlich jemand sein kann, der seinen Glauben an die erste Stelle setzt und diesem "fanatisch" anhängt (auch nicht jeder fanatische Ballsportfan ist ein übler Hooligan). Sieh dir mal einen amerikanischen Fernsehprediger an und vergleiche ihn mit dem Pfarrer/Pastor/usw. aus deiner Heimatgemeinde ;)
Und wenn der Unterschied zu gering ausfällt, dann gib dir Pastor Phelps und seine Familie  :-\
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SeldomFound

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Ich würde gerne nochmal auf folgendes aufmerksam machen:

Zitat
Der Glaube an einen Gott oder seine persönliche moralische Überzeugung bestimmt die Handlungen des Abenteurers.

Das heißt, dass diese Schwäche nicht nur für Priester gedacht ist.

Ein Beispiel von mir selbst: Ich habe einen Geistreißer gebaut, dessen Schwäche ich im Stil von FATE versucht habe mit einer Catchphrase zu umreißen: "Ich werde dein Richter sein!"

Der Geistreißer ist angelehnt an den Charakter Jotaro Kujo aus der Serie Jojo Bizarre Adventures: Stardust Crusaders. In dieser Serie beherrschen die Charaktere seltsame Mächte, die für die gewöhnlichen Menschen unsichtbar bleiben, weshalb es zu einer Szene kommt, wo Jotaro zu seinem Gegner folgendes sagt: "Dein Stand (die seltsame Kraft) ist für die Opfer und für das Gesetz unsichbar, deshalb werde ich dein Richter sein!"

Die Idee bei dem Geistreißer ist nun, dass er eine üble Begegnung mit Feenwesen hinter sich hat und zum Schluss gekommen ist, dass kein Wesen, ob magisch oder nicht, das Recht hat sich über die Gesetze der Sterblichen zu erheben. Deshalb hat er beschlossen, der Richter für diejenigen zu werden, die sich durch ihre fremdartige Herkunft oder hohen Stand für unberühbar halten und jegliche Konsequenz ihrer bösartigen Handlungen von sich weisen. Und wenn er sich bei eine Zwerg verschulden und zehn Jahre durch die Welt reisen muss, um die Waffe und die Macht zu erhalten, um eine Feenkönigin in ihrem eigenen Hoheitsgebiet zu Rechenschaft zu ziehen, dann sei es eben so.

Das wäre für mich eben auch eine Form von Fanatismus, obwohl es wenig mit der eigentlichen Religion des Geistreißer zu tun hat.

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Reiben

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Seine Familie rächen zu wollen, ist für mich kein Fanatismus. Dazu gehört eher, dass man einer allgemeinen Überzeugung anhängt, was sich in Intoleranz, Eifer und auch Hass äußert. Entscheidend ist für mich, dass diese Ideologie sich nicht ausschließlich auf einen selbst bezieht. Daher ist auch das, was SeldomFound sagt kein Fanatismus für mich, sondern eher ein (wenn auch radikaler) Kodex bzw. eine Zielsetzung. Letzlich sind das aber nur Begriffsunterschiede.

Da die Schwächen bei Splittermond nicht graduell abgestuft sind, ist es auch egal, ob nun jemand Fanatiker ist oder nur einen Kodex befolgt. Beim einen ergeben sich halt ggf. mehr Möglichkeiten, dass man die Schwäche ausspielt, aber auch das ist ja letztlich immer Spielerentscheidung. So kann man für sich selbst beim Spiel genau das Ausmaß einer Schwäche finden, das man möchte und muss sich nicht an Begriffen wie Fanatiker, Kodex, etc. aufhängen.

Ob Priester in Splittermond interessant genug sind, lässt sich bisher einfach noch nciht sagen. Solange die genauen Hintergründe der Götter noch nicht ausgearbeitet sind, hängt man natürlich etwas im luftleeren Raum. Solange dass der Fall ist, ist es spielerisch natürlich einfacher sich fanatisch an die drei, vier Grundprinzipien aus der Götterliste zu halten, anstatt sich einen gemäßigten, aber komplexen religösen Hintergrund auszudenken.

Travita

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Re: Fanatische Priesterschaft -
« Antwort #5 am: 24 Jul 2014, 10:01:34 »
Was meint ihr?

Und was hat das ggf. für Auswirkungen auf die Welt? Sind die PriesterInnen in eurem Lorakis durchschnittlich extremer als in unserer Welt?

Die Priesterschaft in meinem Lorakis ist recht tolerant, da es ja sehr viele Religionen nebeneinander gibt, man ist generell aufgeschlossener, das hat der Kulturaustausch durch die Mondtore ja so etabliert.

"Fanatiker" nehmen wahrscheinlich jene Spieler als Schwäche, weil sich das Wort cool anhört... weil man engstirnige radikale Ansichten ausspielen kann...
oder aber (was ich eigentlich nicht hoffe) um am Spieltisch gruppenuntaugliches Verhalten mit "mein Charakter ist halt so" entschuldigen wollen.

Und ja: die Familie zu rächen fällt für mich auch nicht unter Fanatismus. Da gäbs doch die Stärke "Zielstrebigkeit dafür".

cyberware

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Hi ihr zwei,

so wie ich das mit der Rache rübergebracht habe, habt ihr natürlich recht.

Da steckt natürlich mehr da hinter.

Der Charakter hat in jungen Jahren mitbekommen, wie seine Familie auf der Reise überfallen wurde und bei lebendigen Leib in der Kutsche verbrannte.  Er überlebte diesen Anschlag, weil er gerade austreten wahr.

Zudem hat der Magier(blondes Haar, rote Robe) der den Angriff führte ihn absichtlich am Leben gelassen. Evtl dachte er der Junge stirbt alleine in der Wildnis.

Der Charakter wird von dem Gedanken getrieben den Magier zu finden. In jedem Ort an dem er sich aufhält, sucht er nach Spuren und Informationen. Er schreckt nicht vor Gewalt und Entführung zurück um vermeintlichen Zeugen zu "verhören". Jede Spur wird gnadenlos nachgegangen. Zudem hegt der Charakter großes Mistrauen Zauberern gegenüber, besonders Elementar und Kampfmagiern insbesondere jene mit blondem Haar und roter Robe.


Luxferre

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Fanatismus ist für viele klerikale Rollenspielcharaktere irgendwie so ein Automatismus. Es ist irgendwie offensichtlich, fast drängt es sich schon auf. Und damit wäre es für mich definitiv keine Option für einen Priester. Fanatismus ist obercool für Druiden oder Waldläufer, Antagonisten und politische Hardliner.

Ich denke, dass die Häufung aus der Offensichtlichkeit herrührt. Schade eigentlich, weil ich persönlich es für recht langweilig erachte.

Luserian

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Den Monden zum Gruße.
Ich wählte die "Schwäche" Fanatiker bei zwei meiner Priester-Chars (der eine war zum testen, der andere ist geplant für den langfristigen Einsatz) zum einen weil ich schon lange keinen Geweihten-/Priester mehr gespielt habe, die Schwäche kombiniert mit "Hochmut" für mich gut passt und für viele "Charakterplay"-Starke momente gesorgt hat und noch sorgen wird.

Mir passt es eben vom Desgin und Backround sehr gut, außerdem habe ich es quasi als deutlich Kombinierte Regelsynergie gesehen, der mir kam als ich bei der Fertigkeit "Diplomat" die Meisterschaft "Missionar" entdeckt habe. Durch die ich die Schwäche passender bzw. öfter Ausspielen werde.

Fanatiker ist kein muss für den Priester und wie angemerkt auch für viele andere Chars passend.

Auch ich sehe es so, dass die lorakischen Priester überwiegend eher recht tolerant sind.
The world is indeed comic, but the joke is on mankind.
H. P. Lovecraft

Reiben

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@cyberware: Klingt nach deiner Beschreibung noch weniger nach Fanatismus. Seine persönliche Rache-Agenda ist einfach eine starke Obsession. Aber wie gesagt: Da alle Nachteile gleich funktionieren, ist es egal, wie man sie nennt. Wichtig ist nur, dass man konkret beschreibt, wann die Schwäche spieltechnisch relevant wird.

cyberware

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Danke fürs Feedback. Hatte erst an die Schwäche Nachtragend gedacht. Fand dann aber Fanatismus passender. Habe mich wohl eher vom Namen als von der Beschreibung leiten lassen.

arnadil

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Herzlichen Dank für das rege Feedback auf meine Frage! Das ist ja ein schönes und druchmischtes Bild - gefällt mir in Bezug auf die vielfältige religiöse Landschaft auf Lorakis sehr gut.