Autor Thema: Paranoider Spieler  (Gelesen 812 mal)

8BitBasti

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Paranoider Spieler
« am: 06 Sep 2020, 19:58:33 »
Hallo Leute,

hoffe Ihr könnt mir helfen.  :)

Ich bin Spielleiter eine Pen & Paper Gruppe. Wir haben schon verschiedene Rollenspiele gespielt und sind jetzt bei Splittermond angekommen.
Wir haben bereits Splittermond ein wenig angespielt. Als Spielleiter muss ich mich in die Welt noch ein wenig einfinden.

Mein "Problem" ist aber folgendes:

Einer meiner Spieler ist, was solche Spiele angeht, paranoid. Er erwartet hinter jeder Ecke eine Falle, ein Überfall, ein Drachen, etc..
Und so spielt er dann auch.
Bsp. bei Shadowrun: Die Spieler wollen eine Kneipe besuchen um an Informationen zu gelangen. Sein erstes Vorgehen ist alle Waffen zu ziehen und die Eingangstür nach Fallen zu überprüfen. ... Bei einer ganz normalen Kneipe.  :-\
Ich finde sein Verhalten nicht gänzlich Falsch und kann ihm schlecht sagen :"geh doch einfach rein, da ist keine Falle/Feind!", aber manchmal ist es einfach nicht angebracht oder übertrieben.
Zum einen kostet es Zeit und es wirkt Unnatürlich.

Meine Frage ist also:

Könnt ihr mir ein Tipp geben, wie ich als Spielleiter Ihn etwas von diesem paranoiden Verhalten abbringen kann?

Ich hatte mit ihm schon ausserhalb des Spiels gesprochen. Wir haben sein Charakter auch schon mit der Schwäche "Paranoia" erschaffen damit sein Spiel natürlicher wirkt.
Mein nächster Versuch ist eine Aufbauabenteuer, also eine kleine Umgebung (gleiche Stadt, wiederkehrende Personen) innerhalb Lorakis aufzubauen in die er sich nach und nach reinfühlen kann.
Vielleicht vermutet er dann nicht hinter allem eine große Verschwörung.

Ich freue mich über jeden Ratschlag.  :D

Wandler

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #1 am: 06 Sep 2020, 20:14:23 »
Hallo Basti,

ich denke die Überschrift gibt schon einen Teil Deiner Analyse und auch einen Teil des Lösungsansatzes wieder.
Es geht scheinbar nicht um das Spielen eines paranoiden Charakters. Das kann je nach System durchaus Spaß für Spieler und Spielleiter bringen.
Ein Spieler der wiederholt paranoide Züge in seine Charaktere liegt kann jedoch leicht zum Problem werden.
Innerweltliche Ansätze dürften hier wenig bringen - das Problem kommt von "außen" - vom Spieler.

Daher die Fragen - so wie Du es angefangen hast - außerhalb des Spiels, zwischen Spielleiter und Spieler, je nach gegenseitigem Vertrauen mehr oder weniger offen:
Warum tut er das? Glaubt er er wird vom Spielleiter gelinkt? Ist er bisher zu oft in Fallen gelaufen? Fehlt da Selbstbewusstsein? Zielt die Gruppe insgesamt auf ein höheres Gefährdungspotential ab während der Spieler lieber übermächtige Helden und garantierte Erfolge haben möchte?
Wäre für den Spieler der Verlust/Tod eines Charakters ein traumatisches Erlebnis?

Dazu kommt noch die Frage wie die anderen Spieler zu so einem Verhalten stehen.

Sollte der Spieler ernsthafte psychische Probleme haben ist Rollenspiel nicht das richtige Medium das zu "therapieren". Wenn jedoch ein "Gruppenvertrag" bestimmte Szenarien und Meisterverhalten ausschließen könnte würde das vermutlich helfen.

Ich würde versuchen den gewünschten Spielstil der Gruppe - inklusive des Spielers - heraus zu finden:
  • Grad der Herausforderung (vernachlässigbar, mittel, hoch, extrem hoch, ...)
  • Tödlichkeit des Spiels (Tote Helden gibt es nicht, Helden sterben heldenhaft, Helden sind auch nur Sterbliche)
  • Ausdrücklichkeit der Spieleraktionen (was Du nicht gesagt hast hast Du nicht getan, was Du üblicherweise tust gilt - Meister fragt in bestimmten Situationen nach)
  • Spielstil (Erzählend/Narrativ, gemischt, möglichst nichts tun was nicht erwürfelt wurde)

P.S.:
Einen Spieler mit Samthandschuhen anzufassen und ihm eigene Einstiege zu basteln ist meiner Erfahrung nach nicht nur ungerecht, es belohnt und verstärkt falsches Verhalten auch noch. Ab und zu müssen es eben klare Worte sein - moderiert und respektvoll. Spielstile sind unterschiedlich, nicht besser oder schlechter.

EDIT: Ergänzungen
EDIT: Fehlendes Wort ergänzt
« Letzte Änderung: 07 Sep 2020, 07:24:39 von Wandler »

Wandler

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #2 am: 06 Sep 2020, 20:27:33 »
Teilzeithelden hat eine Reihe von recht guten Artikeln die sich mit den Rollen des Spielleiters und des Spiels befassen.
Hier sind ein paar die die Sichtweise auf das Rollenspiel im allgemeinen und besondere Charakterkonzept beziehungsweise Plots etwas erweitern könnten:

Das Recht auf den eigenen Charakter:
https://www.teilzeithelden.de/2019/08/12/das-recht-am-eigenen-charakter-kein-grundrecht/

"Geisterfahrer" - insbesondere "Der Ängstliche":
https://www.teilzeithelden.de/2013/09/16/geisterfahrer-im-rollenspiel/

Zu viele Freiräume:
https://www.teilzeithelden.de/2017/04/26/langeweile-durch-zu-viele-freiraeume-besseres-rollenspiel-durch-einschraenkungen/

Gescheiterte Pläne:
https://www.teilzeithelden.de/2016/05/03/weshalb-gescheiterte-plaene-kein-spiel-zerstoeren/

Du bist nicht allein mit solchen Problemen.  :)
« Letzte Änderung: 06 Sep 2020, 20:33:57 von Wandler »

Rostam

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #3 am: 07 Sep 2020, 00:07:02 »
Wenn es tatsächlich nicht am Spieler liegt, weil ihr euch Outgame einig seit, dann kann die Lösung auch eher Ingame liegen.
Sofern ihr euch also bewusst seit, dass sein Charakter den Nachteil der Paranoia hat, dann lass es ihn spüren, dass es ein Nachteil ist. Manche NPCs vermeiden den kontakt, da sie ihn für "verrückt" halten; Wachen werden oft auf sein auffallendes Verhalten aufmerksam und befragen/filzen ihn häufiger. Das muss nicht drastisch sein, schließlich soll es ja nicht wirken, dass du ihn als Sieler dafür bestrafst. Aber aus solchen Schwächen können durchaus auch skurrile und teil lustige Situationen entstehen, wenn sich der Sozialcharakter in der Gruppe immer mal wieder um kopf und Kragen reden muss für ihn. Oder es ergeben sich andere Wege, weil z.B.: der eigentliche Auftraggeber Abstand nimmt, aber der Zwielichtigere Rivale aus der Gilde dafür ein anderen Angebot bietet für die Quest/den Plot.  8)

Auf jeden Fall reden reden reden, auch mit der gesamten Gruppe!
"Du bist witztig - aber, wenn du in den verheerten Landen verschwindest, werd ich dich nicht vermissen"

Wandler

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #4 am: 07 Sep 2020, 07:22:24 »
Es gibt hier im Forum noch eine Umfrage nach verschiedenen Spielstilen die ebenfalls helfen kann - und sei es um sich selbst oder anderen Spielern der gleichen Runde die Frage zu stellen: "Was reizt mich am Rollenspiel, wodurch bekomme ich meine 'Belohnung'?":

https://forum.splittermond.de/index.php?topic=6374.msg133432#msg133432

Damit etwas verbunden ist die Frage nach der Kontrolle die ein Spieler über die Situation haben will. Wer sich durch eine bunte Welt treiben lassen will und unterhalten - der hat einen viel geringeren Anspruch auf Kontrolle als einen der anpacken, verändern und die Welt retten will.
Auch hier geht es nicht um besser oder schlechter, nur weichen die Geschmäcker und Bedürfnisse oftmal weiter voneinander ab als den Spielern bewusst ist.

Anubis63303

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #5 am: 07 Sep 2020, 18:29:41 »
Naja, man kann das auch iG lösen. Ich glaub mein Char in Shadowrun oder auch in SpliMo würde einfach, wenn es ihm lächerlich erscheint, einfach die Tür aufmachen. Da kann er dann an der offenen Tür weiter suchen.

Ich würde den Player dann auch eis kalt im Spielgeschehen hinten anstehen lassen. Der Rest feilscht schon mit Mr. Schmidt, während er noch alles nach Kameras, Mikros, Fallen etc absucht. Denke irgendwann wird es ihm auch zu doof, immer außen vor zu sein.

Radikaler Ansatz, verspricht mir aber eine schnelle Lösung. Entweder geändertes Verhalten oder einen Spieler weniger.

Zauberfeder

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #6 am: 07 Sep 2020, 19:06:20 »
Ich denke, das wichtigste ist tatsächlich zu versuchen herauszubekommen, warum der Spieler so agiert.
Wenn es alleine zum Beispiel daran liegt, dass er bei Shadowrun eine Reihe von Charakteren aufgrund von Verrat, doppeltem Spiel. etc. verloren hat und der Spielstil durch "schlechte Erfahrungen" entstanden ist, dann lässt sich das vermutlich sehr leicht dadurch beheben, dass man ganz klar sagt, dass Lorakis nicht die 6- Welt ist. Sag ihm, dass Du ihn schon aufforderst, eine entsprechende Probe zu machen, wenn er in einer unerwarteten Umgebung auf einmal auf Fallen, Hinterhalte oder ähnliches stoßen sollte. Und dass Du auch ein paar Mal eine Probe verlangen wirst, wenn es nichts zu finden gibt, einfach nicht um allein durch die Ansage zu viel zu verraten.
Wenn es darum geht, dass der Spieler sich in den Vordergrund drängen will, immer Überraschungen vermeiden will oder Verlustängste um seinen Charakter hat, dann helfen Ingame Mechanismen nicht. Dann hilft nur wie Rostam schon gesagt hat: Reden. Direkt mit dem Spieler, aber auch mit den anderen Spielern der Gruppe. Schließlich sollen alle am Spiel ihren Spaß haben.

Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.

TrollsTime

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #7 am: 07 Sep 2020, 19:38:42 »
Was hier noch gar nicht thematisiert wurde:
- Es gibt auch SL, die einen nur Fallen finden lassen, nur lügen erkennen lassen etc, wenn man ausdrücklich danach sucht(*) oder eine Probe fordert. Diese lassen außer acht, dass ein Profi (jemand mit hohen Werten) auch schon einiges unbewusst oder nebenbei bemerkt. Beim Lügen sowieso. Oft sind es SL, die zwischen Charakterwissen und Spielerwissen selbst nicht trennen können, denn in manchen Situationen ist tatsächlich das Charakterwissen besser als das Spielerwissen. Kein Wunder, dass der Spieler da auf gewisse achso logische Ideen nicht kommt.

- Hat der "paranoide" Spieler unter diesem SL gelernt, ist es kein Wunder, dass er so tickt und ständig ohne Nachfrage irgendwelche eventuell sinnlosen Proben oder doppeltes und dreifaches Hinterfragen tätigt.

- Das kann man in meinen Augen unter Umständen (Garantie gibt es nich) ändern, wenn man ein vertrauensvolleres Miteinander pflegt und der SL dem "Wahrnehmungs- und Fallen-As" auch mal Infos liefert, wenn der Spieler gerade mal nicht drauf kommt, dass an der Situation was faul ist.

----
* Das heißt jetzt nicht, dass eine aktive Suche nie von Vorteil sei. Sicher ist sie das oft. Aber dem Profi fallen halt Dinge einfach durch Übung auf. Das kann aber logischerweise nicht der Spieler erkennen, sondern da muss der SL liefern.
Quendan zu TrollsTime: "Du musst nicht alle überzeugen!"

FieserMoep

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #8 am: 08 Sep 2020, 00:42:31 »
Ich denke ein Gespräch zwischen Spieler und Leiter ist hier das Sinnvollste. Ganz klar und erwachsen, ohne es als Anschuldigung klingen zu lassen das ganze unter vier Augen thematisieren und von verschiedenen Aspekten aus betrachten.

- Spielt der Spieler einfach gerne Charaktere mit diesem Charakterzug
- Hält er es für nötig so vorzugehen?
- Wenn ja, was sind die Szenarien die er mit so viel Energie zu vermeiden versucht?
- Gab es bereits Erfahrungen im Rollenspiel deren Wiederholung er so zu vermeiden versucht?
- Hat er das Gefühl er würde Ausgetrickst wenn er nicht aktiv darauf hinweisen würde?
- etc. du kennst die Person da besser.

Meine Erfahrung ist das die Meisten dieser Themen nur im Dialog wirklich zufriedenstellend aufgeklärt und dann gelöst werden könnten. Mit genug Zeit könnte ich mir 30 Gründe aus den Fingern saugen warum er so handelt und dann doch nicht den einen Treffen, den du in 15 Minuten Gespräch genannt bekommst.

Anguisis

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #9 am: 08 Sep 2020, 12:44:20 »
Den Hinweis von TrollsTime finde ich gut und würde den gerne aufgreifen.
Die SC´s meiner Spieler, welchen einen ausreichend hohen Empathie/ Wahrnehmung/ Redegewandheit/ etc-Wert hat, bekommen von mir eher mal pro-aktiv den Hinweis, dass "der NSC irgendwas zu verheimlichen versucht" oder " das an der Tür irgendwas komisch ist".
Das bietet noch lange nicht die Garantie, dass meisterliche Lügner-NSC oder meisterliche Fallen bemerkt werden, aber es entspannt die Gruppe und der Spieler freut sich, weil sich seine Charakterentwicklung gelohnt hat.

Aber ob das einen paranoiden _Spieler_ zufrieden stellt, mag ich bezweifeln.
Wenn es aber "nur" ein Spieler ist, der mit Begeisterung einen paranoiden SC spielt, dann würde ich den als SL mal zur Seite nehmen und über die Ausgestaltung reden.

Meine Erfahrung mit einem schwierigen SC: Die Spielerin wollte unbedingt eine misstrauische, kämpferische Einzelgängerin spielen. Was die Rollendarstellung angeht, war das auch konsequent und rollenkonform, aber halt nicht gruppentauglich. Zuerst hab ich die Spieler auflaufen lassen... wenn sie halt nicht mit in den Wald gehen möchte, dann bleibt der SC halt zurück und erlebt einen Tag nichts. Das führte natürlich zu Frust auf allen Seiten. Dann auf einer Party haben wir beide nach dem dritten Bier über ihren SC gesprochen und unsere jeweilige Sichtweisen dargelegt. Sie wollte halt etwas Einzelgängerisches spielen und ich hab ihr klar gemacht, dass die anderen Spieler (!) auf ihr Verhalten (!) genervt reagieren und deren SC´s überlegen, ob die Gruppe mit diesem SC weiterziehen möchte.
Im Endeffekt hat sich ihr SC weiterentwickelt und hat gelernt, dass sie die Gruppe nunmal braucht, aber nicht zwingend lieben muss. Das hatte dann im Laufe der Spielabende  eine ganz "nette" Gruppendynamik angenommen. Die Spielerin konnte weiterhin ihre Rolle als Einzelgängerin betonen, die nur aus pragmatischen Gründen mit der Gruppe sich arrangiert.

Will damit sagen: Mein anfänglichen Zicken-Leiten war totaler Quatsch und das Gespräch hat viel mehr gebracht. Kommunikation rocks! :-)
I am The Ancient, I am The Land

Blindclaw

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Re: Paranoider Spieler
« Antwort #10 am: 08 Sep 2020, 20:06:33 »
Hi. Ich gehöre ebenfalls zu der Spielgruppe um 8BitBasti!

Dem Spieler ist seine etwas paranoide Einstellung zum Spiel schon bewusst, konnte es aber meist nicht sein lassen egal welchen Charakter er spielte. Letzte Spielrunde lief etwas besser, da er zum einen die Paranoia (die er ja nicht abstreitet) als Charaktereigenschaft seines mürrischen Zwergenkriegers übenimmt und sich auch etwas zurückhielt mit seinem Fallensuchen etc.. Eine Besserung entstand vielleicht auch durch einen neuen Spieler der irgendwie ein Gegenpol darstellte. Ein heroisch/naiver Ritter mit Flammenschwert der meist als erster Räume betritt, Türen öffnet usw. und so die Gruppe (samt Zwerg) mitzog.

Ich kann auch nicht sagen woher diese Einstellung kommt hinter jeder Tür den Tod zu vermuten. Natürlich stellt der SL die Gruppe irgendwann vor ein Problem (oder Gegner). Ich muss allerdings sagen das der betroffene Spieler auch oft unglaubliches Pech hatte (Wobei daraus Anekdoten entstehen die uns immer noch zum lachen bringen).